Dieses Projekt steht inkl. Domain zum Verkauf. Interesse? E-Mail an info[at]libyen.com

Libyer sehnen sich nach Normalität - Teil 2

Der Schwarzmarkt blüht, die Inflation erreicht fast 30 Prozent, Hunderte Industriebetriebe liegen brach, Flughäfen und Häfen sind in desolatem Zustand nicht zuletzt wegen der langjährigen Sanktionen. Insgesamt «"fehlt das Fundament für ein nachhaltiges ökonomisches Wachstum2, meint ein Wirtschaftsfachmann. Der Freikauf vom Terror-Image ist damit für die libysche Führung nicht ohne innenpolitisches Risiko. Die hohe Summe insgesamt weit über drei Milliarden US-Dollar schlägt gerade den wirtschaftlich gebeutelten kleinen Beamten mit ihren niedrigen Einheitslöhnen aufs Gemüt. Immerhin hat Libyen 750.000 Staatsangestellte, denen bereits im Zuge der Sanktionen viele Vergünstigungen wie kostenlose Gesundheitsfürsorge, bezahlte Auslandsreisen und Nahrungsmittelsubventionen gekürzt wurden. Der Revolutionsführer hat die Gefahren der wachsenden Unzufriedenheit erkannt. Zuerst von der arabischen Welt und später von Afrika zurückgewiesen, sucht er nun die Zukunft seines mediterranen Landes in Europa und den USA. "Damit trägt Gaddafi endlich einem großen Wunsch seines Volkes Rechnung", analysiert ein westlicher Diplomat in Tripolis. "Die Menschen sind der Abenteuer müde, sehr müde, und sie prägt eine starke Sehnsucht nach Europa." Von dort erhoffen sie sich den nötigen Beistand, um den durch die lange internationale Isolation bedingten Entwicklungsrückstand rasch aufzuholen. "Wir wollen endlich ein ganz normales Land sein", meint ein Publizist, der seinen Namen lieber verschweigt. Zaghaft hat der Wandel dieses Paria-Staates mit Gaddafis eigentümlicher sozialistisch-islamischer Ideologie schon eingesetzt. Die Geschäfte in Tripolis italienischen Kolonialbauten stellen Videokameras aus, Markenanzüge und Kosmetikartikel. In Internet-Cafés surfen Jugendliche ungestört in den Websites der Exil-Opposition. Immer mehr Parabolschüsseln zieren Hausdächer und Balkone. Wie anderswo in der Welt diskutieren Jugendliche in Jeans und Lederjacken laut über die neuesten Songs von Madonna und träumen von bessern Tagen. "Unsere Väter", so meint ein junger Mann, "glaubten an all das Zeug von arabischer Einheit. Wir aber wollen, dass sich Libyen auf das Wohl der Libyer konzentriert. Die alten Ideen sind für uns gestorben. Sie haben uns nichts als Armut gebracht." Nach langem Zögern kehrte Revolutionsführer Gaddafi auf Drängen seiner engsten Berater seinen gehätschelten sozialistischen Ideen den Rücken. Die Planwirtschaft soll abgeschafft werden. "Volkskapitalismus" so lautet das neue Motto. 6.500 Privatunternehmen soll es schon im Land geben, in dem die libysche Regierung einst den Kleinhandel vollends abgeschafft hatte. Doch die Versuche, ausländische Investoren anzuziehen, erbrachten bisher nicht die erhofften Erfolge. Trotz allem: Die Zeichen des Aufbruchs sind unverkennbar, nicht nur im Bereich der Wirtschaft.

Freilich herrscht Gaddafi immer noch mit harter Hand über diesen Polizeistaat, in dem es kein Parlament gibt und keine politischen Parteien zugelassen sind. Die Opposition ist zerschlagen, in den Gefängnissen schmachten nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen Tausende politische Häftlinge. Das Regime versucht nun, die krasse Willkür der "Volksgerichte" zu "überprüfen", und es verkündete in jüngster Zeit mehrere Amnestien. Mehr und mehr präsentiert sich Gaddafis Sohn Saif al-Islam als Vorkämpfer politischer Reformen. Vor drei Monaten veröffentlichte er eine einzigartige Dokumentation über die Misshandlung von Gefangenen. Von der Außenwelt kaum zur Kenntnis genommen, schlug dieses Dokument in Libyen wie eine Bombe ein. Unterdessen publizierte Saif al Islam Gaddafi auch eine geheime Liste von 12.000 Libyern, denen die Ausreise untersagt ist. Die Angelegenheit wird überprüft. Allen Misslichkeiten zum Trotz: Es keimt Hoffnung auf eine bessere Ära, auf ein wenig mehr Freiheit, auf neuen Wohlstand. Doch manche Skeptiker befürchten, der wirtschaftliche Aufschwung, der durch das erhoffte Ende der Isolation und der US-Sanktionen einsetzen dürfte, komme Muammar el Gaddafi und seiner autokratischen Herrschaft zugute. Einer bringt es auf den Punkt: "Je besser es den Libyern geht, desto länger werden sie seine Tyrannei ertragen." Nach Schätzungen der Europäischen Union versucht jährlich eine halbe Million Immigranten aus Schwarzafrika Europa zu erreichen. An ihrem Mittelmeer-Gipfel in Tunis haben Anfang Dezember 2003 zehn Staaten (Tunesien, Algerien, Marokko, Libyen, Mauretanien einerseits und Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Malta andrerseits) das drängende Problem der illegalen Einwanderung aufs Tapet gebracht. Die Europäer forderten bessere Kontrollen und schärferes Vorgehen gegen die gut organisierten Schlepper; die Nordafrikaner verlangten im Gegenzug mehr finanzielle Unterstützung als bisher. Bisher galten Marokko und Tunesien wegen ihrer Nähe zur europäischen Mittelmeerküste als die "klassischen" Ausgangsorte illegaler Überfahrten nach Spanien und Italien, die oftmals tödlich enden. Libyen als wichtiges Durchgangsland für schwarzafrikanische Immigranten dagegen blieb zumeist im Schatten der internationalen Aufmerksamkeit. Seit Jahren indessen blüht das lukrative Geschäft der nach Manier der Mafia arbeitenden Schlepperbanden und ihrer Mittelsmänner, die jährlich für Tausende Arbeitsuchende vor allem aus Somalia, Ghana und Kongo die entbehrungsreichen Reisen durch die Wüsten nach Libyen und weiter nach Malta und Italien organisieren. Auch hier endet manch eine Fahrt in überfüllten Booten mit dem Tod. Eine Überfahrt nach Malta kann bis zu 1.000 US-Dollar kosten. In Libyen sind die Schwarzafrikaner alles andere als gern gesehen weder als Arbeitskräfte noch als "Gäste auf der Durchreise". In jüngster Zeit gehen die libyschen Behörden verstärkt gegen die Schlepper und die illegal Eingewanderten vor. Schlepper und Mittelsmänner riskieren hohe Bussen, Schwarzafrikaner ohne Visum werden ohne viel Federlesen ins Gefängnis gesteckt. So wurden beispielsweise mehr als 400 Somalier festgenommen, die Ende Dezember 2003 versuchten, nach Italien überzusetzen. Ihnen droht die Deportation in ihr Heimatland.