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Libyer sehnen sich nach Normalität

Stimmungsbild in der libyschen Bevölkerung vom Januar 2004.

Foto Tripolis in den 60er Jahren
Tripolis in den 60er Jahren

Libyens staatlich gelenkte Medien überschlagen sich: Die Zeitung "Al Shams" nennt den Entscheid des "Bruder-Führers", künftig auf jegliche Art von Massenvernichtungswaffen zu verzichten, einen "neuen Sieg der libyschen Diplomatie". Und die "Jumhuriya" spricht von einer "Kriegserklärung gegen die Diplomatie des Todes". Doch ebenfalls manch ein Libyer stimmt diesen offiziellen Elogen zu: "Das ist ein großer Moment für unser Land", meint ein Student. "Es liegt im Interesse Libyens, sich dieser Waffen zu entledigen. Sie sind teuer, und unser Land muss sich dringend auf die wirtschaftliche Entwicklung konzentrieren", sagt er. Revolutionsführer Gaddafi, vom Westen so lange missverstanden, habe bewiesen, dass auch er pragmatisch sein könne. "Alle werden gewinnen", lautet die offizielle Linie. Man hofft, die USA werden die unter Präsident Reagan 1986 verhängten und 1995 im "Iran-Libya-Sanctions Act (ILSA" gesetzlich verankerten Wirtschaftssperren aufheben und das Land von der Terrorliste streichen. Vor Wochenfrist hat allerdings Präsident George W. Bush diese Hoffnung zunichte gemacht: Die Sanktionen wurden bis 2005 verlängert. "Lasst uns die Vergangenheit vergessen": Dieser Wunsch eines libyschen Geschäftsmanns, der nur seinen Vornamen Mohammed nennen will, geht also vorderhand nicht in Erfüllung. Während Libyens Entschluss, den internationalen Inspektoren der IAEO die geheimen Arsenale zu öffnen, weltweit auf höchstes Lob gestoßen ist, sind die Ansichten daheim keineswegs ungeteilt. Viele Libyer reagieren verwirrt, apathisch oder gar zynisch. "Besaßen wir überhaupt ein international geächtetes Waffenprogramm? Wir verfügen doch gar nicht über die nötige Technologie und das Know-how", meint Ahmed, ein Ingenieur. Und ein Dissident, der seinen Namen lieber verschweigt, glaubt an ein ausgeklügeltes Manöver des ihm verhassten Diktators, dessen Sicherheitskräfte praktisch die ganze Bevölkerung fest im Griff haben. Der Dissident glaubt, Muammar el Gaddafi versuche lediglich dem Schicksal Saddam Husseins zu entgehen und seine eigene Macht zu retten, die er im September 1969 durch einen Putsch gegen den damaligen König Idris I. an sich gerissen hatte.

Obwohl skeptisch, sind viele Libyer dennoch überzeugt, dass die Zusammenarbeit mit den USA der einzige Weg sei, um ihr Land gegen einen Angriff zu schützen. "Die Amerikaner", so fasst Mohammed eine weit verbreitete Ansicht zusammen, "haben die Mittel und die Macht, und sie werden nicht zögern, sie einzusetzen." Doch Gaddafis mitunter exzentrischer Regierungsstil, seine Winkelzüge, die unzähligen radikalen Kehrtwenden haben das Volk misstrauisch gemacht. "Man hat uns so viel versprochen. Was ist daraus geworden? Müssen wir ewig arm bleiben?" klagt Ahmed und verhehlt sein Unbehagen nicht, dass sich für die Libyer durch den spektakulären Schritt des Revolutionsführers möglicherweise gar nichts ändern wird: "Das Regime müsste sich endlich der Nöte der Bevölkerung und der wachsenden sozialen Probleme annehmen." Die UN-Sanktionen, im September 2003 nach Libyens offiziellem Eingeständnis der Schuld an der Lockerbie-Tragödie aufgehoben, haben den Libyern schwer zugesetzt ökonomisch und moralisch. Man empfand sie als große Ungerechtigkeit, die ein unschuldiges Volk traf. "Das Volk besitzt die Macht, den Reichtum und die Waffen", ist auf einem Banner im Herzen der Hauptstadt Tripolis zu lesen. "Doch niemand hat uns gefragt, als sie die PanAm-Maschine über dem schottischen Lockerbie 1988 zur Explosion brachten. Und niemand hat mit uns über Wege diskutiert, wie wir aus dem Chaos der Politik unseres Führers herausfinden könnten", klagt ein Intellektueller. Mit milliardenhohen Sühnegeldzahlungen will die libysche Führung das Tor zur weltpolitischen Bühne öffnen: Zuerst mit der Entschädigung an die Hinterbliebenen des Anschlags auf die PanAm-Maschine vom Dezember 1988; nach langem Hin und Her hat Libyen sich jetzt auch mit Frankreich geeinigt. Für die 170 Opfer des Anschlags auf eine DC 10 der französischen Gesellschaft UTA im September 1989 je eine Million Dollar zu bezahlen. Diese Sühnegelder haben viele seiner Untertanen erbittert. "Welches Recht besitzt Gaddafi, uns auf diese Art den nationalen Reichtum vorzuenthalten?" meint ein Wirtschaftsfachmann. Während "Bruder Oberst" den Westen umwirbt, Europa und den USA seine Arme entgegenstreckt, könnte das eigene Volk ihm ernsthafte Probleme bereiten.

Seit sich Muammar el Gaddafi im September 1969 an die Macht geputscht hatte, exportierte Libyen Erdöl für 250 Milliarden US-Dollar eine stattliche Summe für eine Bevölkerung von vielleicht nur drei Millionen (genaue Zahlen kennt niemand). Doch die Infrastruktur liegt im Argen, in den Strassen von Tripolis und Benghazi stehen Bettler. Unzählige Libyer nehmen Jobs als Hilfsarbeiter in Malta an, während rund 30 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung keine Beschäftigung finden. Libyens langjährige Versuche, sich als "Champion afrikanischer Einigung" zu präsentieren, musste die libysche Bevölkerung ebenso hart bezahlen wie unzählige andere außenpolitische Abenteuer ihres exzentrischen Revolutionsführers. Muammar el Gaddafi öffnete Hunderttausenden von afrikanischen Arbeitern die Grenzen zu Libyen. Die Einwanderer sind vor allem im Bau- und Dienstleistungssektor tätig zum großen Ärger vieler Einheimischer, die den Schwarzafrikanern zugleich auch die Verantwortung für die wachsende Wohnungsnot, Kriminalität und den Drogenkonsum zuschieben. Die Übergriffe auf Gastarbeiter häufen sich. Die Fremdenfeindlichkeit wird durch die hohe Zahl von illegal Eingewanderten zusätzlich angeheizt. Jahrzehnte des Missmanagements haben dieses potenziell reiche Land in eine ökonomische Katastrophe gestürzt. Trotz dem Erdölreichtum blieb das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf bei nur 6000 US-Dollar.